Herzen liegen auf der Straße – Die drei Grazien vom Kunsthandwerkermarkt

Heute ist Muttertag und ich finde Herzen auf der Straße, die mich über Umwege zum Petrusplatz führt, auf dem sich heute, zum Sonntag, noch einmal das Kunsthandwerk versammelt. Nach dem Ankommen verlockt das Einsteigen, mit dem Einsteigen das Überwältigende, das Überflutende ist dann oft nicht mehr fern. Ich habe das Wochenende mit vielen guten Gesprächen, mit Handwerk, mit Kunst und dem Sich-neu-Erfinden verbracht. Ich möchte drei Damen an ihren Ständen besuchen, die am Tag zuvor schon mein Interesse weckten. Aber fangen wir bei Samstag an:

Es ist ein Tag der Begegnungen. Ich fotografiere unauffällig und manchmal, wenn ich einen Menschen, eine Auslage besonders interessant finde, frage ich, ob ich auch diesen fotografieren darf. Ich darf. Dabei kommt auch die Literatur nicht zu kurz, mir begegnen handgefaltete Glückskraniche in den Papierarbeiten von Ursula Homrighausen aus Salzböden, die die Papiere seit über 30 Jahren faszinieren und beschäftigt halten. Da ich meine Brieffreundschaften in alle Welt pflege und auch gerne einmal ein Gedicht verschicke, das im Material aus sich heraus mit dem Leser spricht, ziehen mich Papiere magisch an. Gedanklich bin ich zurück in Seoul, in dem Laden, in dem ich handgeschöpftes Papier für Briefe nach Deutschland, Frankreich, Kanada und Amerika gekauft habe. Die Künstlerin bezieht ihre exquisiten Papiere über Kanada. Ich fühle Verbindungen überall in die Welt und kaufe einen roten Origami-Kranich mit eigener Persönlichkeit. Glück kann ich als Stadtschreiberin gebrauchen. Ich entscheiden mich also traditionell für rot. Hätte ich ihn eher erstanden, wäre mir vielleicht einiges zuvor erspart geblieben. Im Geiste gehe ich zurück zu einer Frau mit Segensstäben, Sinnbildern, Hölzern, bunten Objekten, beschrieben mit eigenen Gedichten und Zitaten von Herman Hesse. Vor meinem inneren Auge taucht die Herman-Hesse-Bank für den Bruchteil einer Sekunde auf. Ich kehre zurück zu den Segensstäben und Objekten. Alles hier kann in den Garten. Gedichte und Garten sind für mich Eins, was ich im Laufe meiner Stadtschreiberzeit noch an einem verwilderten Rosengarten exemplarisch aufzeigen werde. Ich fotografiere in die Auslagen, still und unaufdringlich und ohne Gedichte im Foto lesbar zu machen. Ich möchte Gesprächsszenen festhalten, die Natürlichkeit in den Bewegungen erhalten. Schließlich nennt es sich hier „Guckeria“. 

Überraschend fährt mich ein älterer Mann aus dem Nichts an, wie ich es wagen könne, hier zu kopieren, zu stehlen, zu fotografieren. Er erkennt mich als Stadtschreiberin und wirft mir vor, nichts Eigenes zu verfassen. Das tut er lautstark. Ich solle selbst kreativ werden. Er hält mich für jünger, als ich bin, auch das sagt er mir. Augenscheinlich jungen Menschen und noch dazu Frauen traut er offenbar nichts zu. Schon gar keine Literatur, selbstverfasst. Es hilft nichts zu sagen, dass ich mich als Literaturwissenschaftlerin mit Texten anders befasse und dass ich fotografiere, weil ich Künstler und ihr Handwerk in meinem Stadtschreiberblog vorstellen möchte. Die Menschen bleiben stehen und versuchen, in meinem Gesicht abzulesen, was ich wohl verbrochen habe. Den Dialog suchen hilft nicht. Ich gehe und höre warm lachende Frauen gleich um die Ecke. Gesprächsfetzen über gute Küche, die Frage nach veganem oder gutem vegetarischen Essen. Man kennt sich hier noch nicht aus. Ich auch nicht, aber wo ich in Neu-Ulm gut vegan essen kann, weiß ich jetzt. Ich empfehle im Vorbeigehen das Café d’Art. Die Kunsthändlerin hält inne. Auch sie steht vor wundervollen Papieren, umgeben von vielen kleinen Kästchen und großen, die Szene dominierenden blauen Kisten. Ich befinde mich in einem lebendigen Werk, die ganze Zeit schon. Ich stelle mich der Papierdesignerin aus Aachen als Stadtschreiberin vor und frage, ob ich fotografieren und vielleicht über sie schreiben darf, ob sie von sich und ihrer Arbeit erzählen will. Adelheid Sofia Siegeroth alias „Heidi leimt“ hat sich in zwei Jahren Corona-Zwangspause neu erfunden, neu gestaltet. Sie hat das Werkviertel geschaffen, einen Zauberladen, in dem die Buchbinderin Kunsthandwerkerinnen zusammenführt. Es war eine Schnapsidee, keine drei Monate hatte sie dem Baby gegeben. Aber das Baby wuchs und gedeiht prächtig, jetzt in diesem Augenblick atmet es in Aachen. Beinahe 100 Videos zur Buchbinderei hat Heidi auf YouTube hochgeladen. Ich möchte sie mir alle ansehen. Als gelernte Gestaltungstechnikerin habe ich bei der Fadenheftung aufgehört. Die Liebe zu Papieren ist mir geblieben. Ich werde mit einem Geschenk verabschiedet. Ein kleines quadratisches grünes Kästchen, das sich in meinen Handteller schmiegt. Eine Mistelblüte im Zentrum. Bestens, um Schätze zu verstecken, vielleicht lehrt es mich die Zauberei, vielleicht wird es von Marienkäfern bewohnt, vielleicht kann man sich schrumpfen und es durch eine Treppe im Inneren begehen? Ich möchte Alice sein, das Kaninchen dazu kommt später.

Sonjas Bilder leuchten im Dunkeln, sind dann bunt, denke ich, als ich ihren Künstlernamen lese. Um sie herum sitzen Könige und Engel mit vernähten Mündern, selig lächelnd in Schwarz-weiß und dann später auch in Bunt. Ich sage meinen Satz auf, kaufe Postkarten und frage, ob ich fotografieren darf. Sonja bewohnt ihre Bilder, wenn sie sich nicht unterhalten muss, wenn sie unbeobachtet Bilder sortiert und aufstellt. Wenn es so etwas wie melancholische Lebensfreude gibt, so hat sie Einzug in Sonjas Dunkelbunt-Werke gehalten. Sie sprechen zu mir und der zugenähte Mund vom kleinen König hat viel zu erzählen, das sagen mir seine lächelnden Augen. In seiner Freizeit hört er laut Musik mit Kopfhörern, er meditiert, nimmt die Sonne in die Hand, hält die Blume des Lebens in seiner Bauchmitte oder er fotografiert mit einem altertümlichen Fotoapparat ins Blaue hinein. Um ihn herum wird es dann dunkelbunt. Es ist gewiss, ich werde ihn nach Syrien schicken. Ich verabschiede mich von Sonja und stolpere in unsterblich gemachte Stiefmütterchen unter Regenschirmen, an die zahlreiche nach Farben sortierte Seidenbänder gebunden sind. Es ist ein Tag vor Muttertag und ich denke an meine Oma. Anna Osiadly sammelt die kleinen Gesichter in ihrem Garten, presst sie, verstärkt ihre natürliche Farbgebung mit Seidenmalfarben und erhält ihre Form schließlich mit Kunstharz. Aus den kleinen Einmaligkeiten werden Kettenanhänger und Ringe. Faszinierend, denn jedes veredelte Stiefmütterchen ist absolut einzigartig. Drei verschiedene Blütengrößen hat die Kunsthandwerkerin zu bieten und mit jeder einzelnen ein ganzes konserviertes, unsterblich gemachtes Blumenleben. Ich denke an den Garten meiner Großmutter und kaufe ihr ein Blumengesicht an einem grünen Seidenband. Bei Anna Osiadly aus München darf man anprobieren. Ganz leicht fühlt es sich an, trotz der schweren Gedanken, die sie an die einstige Heimat trägt. Im Verkauf unterstützt sie ihr Mann, der fleißig die wunderschöne Farbsortierung erhält.

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Währenddessen wiegt mein weinroter Samtrucksack inzwischen schwer. Für so viel Kunsthandwerk war er nicht gedacht. Die Küchenschelle (ein musikalisches Wort) von Barbara Schlinkert hat gerade so noch hineingepasst und wird einen passenden Ort, gerahmt in meiner Küche finden. Wieder kommt das kreative Glück aus Aachen zu mir und es begegnet mir in der Gestalt von Sophie Wyatt, die umbaubare Taschen und Rucksäcke gestaltet. Nicht nur praktisch, sondern exzentrisch schön, farbenfroh, mutig, anziehend. Die Textildesignerin lässt mich alles anfassen und anlegen. Und wird dann mit einem Kunden lachend von meiner Handykamera überrascht. Ich finde, ihre Natur ist in jedem ihrer Stücke zu fühlen. Strukturen spielen eine Hauptrolle und die Trägerin darf fleißig mitgestalten und mit Farben und Materialien spielen. Sich selbst eben gemeinsam mit ihrer Tasche oder dem Rucksack neu erfinden. Immer wieder.

Es ist spät geworden und ich sehne mich nach innerer Ordnung, denn Bilder und Eindrücke haben mich überflutet. Ich kehre zurück in meine Unterkunft, schaue mir dort angekommen rosa Vogel-Videos und allererste Blühversuche meines Epiphyten zuhause in Erfurt an. Als ob er zwei spitze Damenschuhe trägt, interpretiere ich das Bild und grüße im Geiste meine violette Passiflora und die Porzellanblume, Pflanzenfreunde, die ihre Blätter ebenfalls möglichst dezent in das Foto gesandt haben. Die Schuhspitzen leuchten in symmetrisch arrangiertem Apricot. Ein erstes Mal und ich bin nicht dabei. Viele erste Male in Neu-Ulm, die dem modischen Kaktus ebenfalls verschlossen bleiben.

Der Abend ist da und ich folge meiner eigenen kulinarischen Empfehlung. Salat im Café d’Art. Ich bestelle schwäbischen Kartoffelsalat mit Essig und Öl. Da betreten drei Grazien des Kunstmarktes das Café. Angeführt werden sie von Heidi, die gerade nicht mehr leimt, sondern einfach Hunger hat und gemeinsam mit ihren Freundinnen essen will. Sie sieht mich und lädt mich sofort zum gemeinsamen Essen ein. Wir bestellen eine bunte Mischung aus Salat, Kartoffelgulasch und etwas mit Rosmarin, das fantastisch riecht, dazu ganz viel Wasser. Heidi stellt mir Michaela und Christa vor, ebenfalls Kunsthandwerkerinnen und verbunden durch den wunderbaren Laden in Aachen. Michela ist Tischlermeisterin und arbeitet mit alten Hölzern, Christa ist Textildesignerin. Alle lieben Tiere und zusammen können wir Vögel, Fische, Kaninchen (da ist es) und Hunde aufbieten. Es wird ein fröhlicher Abend und ich erzähle auch von kul-ja! publishing, meinem Verlag, den ich im Oktober 2019 gegründet habe, bevor alles begann, und von der Künstlerin Jantien Sturm aus Aachen, die meinen Orkaniden Gesichter verliehen hat, die meine Gedichte illustriert hat. Wir sind uns einig, in Aachen gibt es viel Gutes. Der Abend klingt heiter aus, mit Instagram-Story, geteiltem Kartoffelgulasch und hervorragendem schwäbischen Kartoffelsalat.

Es ist Sonntag, Muttertag, die Herzen liegen auf der Straße zum Petrusplatz. „Freie Liebe für alle“ lese ich im Vorübergehen, auf dem Weg in Herz-Form an einen Kaugummiautomaten geklebt. Kosten: 1 Euro. Ich möchte die Stände von Christa und Michaela auf dem Kunsthandwerkermarkt besuchen, staunen, mich bedanken und dann verabschieden … 

Wer hätte gedacht, dass ich mit einer magischen Einzelstück-Mütze heimkehren würde, handgefertigt und voller dunkelroter Hortensienblüten, die aus Christas Händen gewachsen sind. So blüht der Stadtschreiberinnen-Kopf in Neu-Ulm, mit Ideen, die aus Aachen zu mir kamen

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