Ankommen

Einatmen,

Ankommen – 

Jeden Tag stelle ich Blumen raus

Ausatmen –

Am besten bin ich barfuß.

Am ersten Mai fuhren mich in einem zunehmenden Stiermond zwei Könige von Erfurt nach Neu-Ulm. Der syrische Beduinenkönig Shawakh befand sich noch mitten in der Fastenzeit des Ramadan, weshalb ich schon ein schlechtes Gewissen hatte, wenn ich neben ihm Wasser trank, denn die Sonne war noch nicht untergegangen. Der Philosophenkönig Stephan schwieg dazu nachdenklich. Ihm hatte ich neben dem Lektorat meiner literarischen Texte vier große Kästen mit sehr gutem Wasser zu verdanken, welches ich erst in meiner Neu-Ulmer Unterkunft anrühren sollte. Das Auto, mit dem wir dann doch noch überraschend fahren konnten, kam mit dem Einfallsreichtum meiner Löwen bändigenden Freundin Johanna. –

Es war nur halb gestohlen.

Ich kam zum Zuckerfest an und obwohl ich nicht gefastet hatte, beschenkte mich eine schöne Frau mit Rosen- und Pfefferminzkonfekt, ganz einfach, weil man das Ende des Ramadan zusammen feiern sollte. Mein erster ganz offizieller Termin ereignete sich im Neu-Ulmer Rathaus und beinahe hätte ich dieselben Farben wie die Neu-Ulmer Bürgermeisterin angezogen, aber das habe ich niemandem verraten. Ich kam mir neben den hohen Schuhen klein vor und fragte mich, wie das der Engel mit den blauen Augen machte, der sich stets so unauffällig und doch präsent in meiner Nähe befand.

Dank dieses Engels, der im Hintergrund des Rathauses agiert, gab es für mich Nuancen verschiedener rosa Blumensonnen, die ich passend zu meinem Schal schützend vor dem Herzen tragen konnte. Das Atmen wurde leichter, auch das Ankommen, denn die Könige hatten sich inzwischen nachhause in Wüste und Tempel verabschiedet, um meine drei Rosenbauchsittiche Lunabell, Lou und Mila zu hüten, die währenddessen den fünften Vollmond des Jahres besungen hatten. Es war der Blumenmond und alle Vögel wussten davon. Sie trugen das Wissen als ein Geheimnis in ihrem Gesang durch die Welt, die wir noch immer teilen.

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Es war schwer für mich in dieser lauten Umgebung, die ich nun drei Monate beziehen sollte, anzukommen, die Verbindungen sperrten sich. Als erstes habe ich Fenster geputzt, es sind zwei große, und meine rosa Zentralblumensonne auf das Fensterbrett gestellt. Sie stehen in einer noch größeren Sonne, bei weit offenen Fenstern und ich weiß: Von jetzt an stelle ich jeden Tag Blumen raus.

In der Unterkunft habe ich bis jetzt noch kein Internet, Baustelle und Nachbarn sind laut und mein goldenes Notizheft möchte mit meiner Handschrift schwimmen gehen und sich selbst loslassen. Also schreibe ich in einem nahen Café, das die Kunst hochhält, ein Café, in dem man zuerst das Glitzern an meinen Augen bemerkt hat, ein Café, in dem ich lange Gespräche über Kunst und Literatur geführt habe, ein Café, in dem ich eben den riesigen, 11 Monate alten Samu streicheln darf. Samu wächst noch, sagt man mir. Ich auch, sage ich mir. Aber am besten bin ich barfuß, das hat mir die Donau bereits an meinem ersten Tag zugeflüstert, als alle Räume um mich enger wurden. Wie gut, dass Neu-Ulm noch immer am Meer liegt …

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