Freitag, der 13.

„Stress let after“ sagt die denglische Karte in meiner Hand. Sie ist zur Aufmunterung gedacht, hat mich gerade rechtzeitig erreicht, gesendet von meiner Freundin, die Sprachwissenschaftlerin ist und sich über dieses Da-Sein regelmäßig köstlich amüsiert. So wie ich noch immer nicht ganz glauben kann, dass ich tatsächlich Literaturwissenschaftlerin bin und dass das nur bedingt mit meinem Schreiben zu tun hat, es sogar viele Jahre unterbrochen und gestört hat.  ̶

Es ist Freitag, der 13.

Meine Antrittslesung im Edwin Scharff Museum steht an. Ich hole mir den Ort hinter meine Stirn. Viel Licht, erinnere ich mich, ich war da schon kalten Kaffee trinken, sagt meine Innenstimme. Der Kaffee war gut, die Leute interessant, die Blumen waren echt, auch drinnen. Ein Risiko für alle, Lebewesen gehören gepflegt, damit sie blühen.
Zu allem Übel ist die Karte quietscherosa, womöglich eine Kraftfarbe. In meinem Pensionszimmer leuchtet sie. Ich sehe Bianca lachen, sie schüttelt ihren Kopf, so dass ihre feinen blonden Haare im Lachen fliegen, dabei blitzen ihre Augen intelligent. Hinter ihr zwitschert ein ozeanblauer Merlin zu ihrer Sprachnachricht. Ein hölzernes Vögelchen mit blauer Merlin-Feder (eine Schreibfeder) ist auch dabei und viele vegane Kekse, nach dem Rezept einer ganz wunderbaren Mutter. Das alles soll mir Glück bringen.
 
Es ist Freitag, der 13.

„Julia, there you have the salad!“, ich weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Dezernent Seiffert diese Karte und meinen Instagram-Kommentar dazu zur Eröffnung zitieren wird. Ich bin mir sicher, er hätte auch das Foto dazu genommen, aber ich verbanne Digitales, ganz regelmäßig. Was also werde ich lesen? Lyrik, Prosa, Roman-Auszug? Streng Geheimes? Von Facebook Zensiertes? – Auf jeden Fall. Nein, lieber doch nicht. Ach komm, … Ich denke kurz über die Jury nach (ein guter Roman) und möchte Florian L. Arnold als Moderator nicht jetzt blamieren, später vielleicht. Er kennt mich noch nicht gut und hat mir zuvor den längsten Ablaufplan meines Lebens geschickt. Ich verändere völlig rücksichtlos alles und zwar handschriftlich. In diesem Schreib-Augenblick macht Autokorrektur „Florain“ aus ihm, und das gefällt mir sehr, es lässt die Blumen in seinem Namen mit Regen strömen, besser als starre Ablaufpläne. Mir fehlt lediglich ein „w“. Ich versuche, die mir noch unbekannte Musik von Yannick Sartorelli zu erfühlen; ein Kontrabass, ein weibliches, gut geöltes, anschmiegsames Holzwesen mit Wespentaille, von wilden Männerhänden experimentiert, zum Klingen gebracht und durchmusiziert. Nun bin ich mir sicher; „wunderbar“, ganz wunderbar wird das werden.

Die Jury kommt, ich entscheide mich für einen der Gewinnertexte, „Das Mädchen am Fenster“. Sie ist vollkommen isoliert. Das Museum ist kein fensterloser Raum. Das Mädchen darf mit Buch, aber ohne Kreidefarben am Fenster sitzen. Sie ist Teil der Ausstellung. Alle denken Freitag, ich denke 13. Ich lese dem Lektor in meinem Bett vor, der stoppt lächelnd die Zeit. „Social Plastic“ muss mit rein und abgezählte Elstern aus „counting magpies“. Wir kommen in schwarz-weiß, wir fließen über Fensterglas, das wird später so sein. Jetzt stoppt die Zeit, ich habe ausgelesen. Die Frau hinter mir ist sexy. Ich schreibe retrospektiv.

Durchatmen. Da sind sie. Aufgereiht. In bester Gesellschaft, meine vier Buchkinder. Da krabbelt der Sudankäfer auf rotem Wüstensand durchs Museum, da reflektiert sich ein blassblaues Jenseits an einer musealen Fensterfront selbst, da stürmen die Orkaniden laut, da lacht keckernd die Elster, als augenscheinlich kleinstes und jüngstes der vier. Ich stehe ihnen gegenüber und habe sie gehen lassen, hinaus in die Welt geschickt. Heute öffnet meine Stimme Fenster und Türen. Musiker und Moderator sind da, die Museumsleitung und alle, die dazugehören. Der Raum füllt sich mit Menschen. Die Stimmung schwingt sich irgendwo zwischen ausgelassen und erwartungsvoll ein, Yannick Sartorelli hat den Raum schon probehalber mit Musik erfüllt. Die Kontrabass lebt und atmet und schwingt mit den Menschen, geht in Resonanz, zeigt sich von seiner besten Seite, wird ganz Resonanzkörper, ein Instrument. Sie spricht und singt und vibriert dabei.

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Mein handgeschriebener Ablaufplan liegt vor mir auf einem quadratischen Tisch, der eigentlich ein Hocker ist. Yannick Sartorellis Finger spielen mutig, legen auch Harmonien lahm. Wir sind bereits ein eingespieltes Team. Ich lese Miniaturen, TRISTAN fragt, am Ende aller Lesezeit wird ISOLDE antworten, als Meerschaum, der einst Brautkleid war und mit einem abgeschlossenen Bauchnabel, auf dem nun Strandglas ruht. Liebe, die Jahrhunderte ruht, in Unsterblichkeit. Jetzt Literatur, immer wieder Literatur und Stimme und Musik. Irene ist Kontrabass, Tristan sind Sartorellis Finger.

Auf meinen persönlichen Wunsch werden alle Handys stummgeschaltet, Fotos sind heute verboten. Wir werden Augenblick, Publikum und Bühne werden Eins. Heute keine Trennung mehr. Tristan und Isolde haben gezeigt, was dann passiert. Dazwischen ein Mädchen aus Fensterlicht, unter klugen Fragen und Blicken, alles handgemacht, wie Musik und Literatur.

Beuys winkt von Weitem durch mein Gedicht, das war keine „soziale Plastik“. Wir haben uns durcheinandertransformiert, was bleibt, ist bereits entrückt.

Es ist Freitag, der 13.

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